Mit Drei-Gang-Rad und Baldrian über die Alpen

Ein Gespräch mit Hermann Staiger – in Gedenken an den früheren CVJM-Vorsitzenden, der im Alter von 92 Jahren verstorben ist

Er war vier Jahre lang Vorstand des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM), spielte im Posaunenchor und leitete die Jungenschaft: Im Alter von 92 Jahren ist unser langjähriges und ältestes Mitglied Hermann Staiger gestorben.

Neben seinem Einsatz für die Verkündigung der frohen Botschaft des Evangeliums war er auch Zeit Lebens ein überaus engagierter Sportler – ob auf Langlauf-Ski, Inline-Skates oder auf dem Fahrrad. In seiner Zeit als Jungenschaftsleiter konnte er die christliche Jugendarbeit und den Sport auf ideale Weise verbinden. In Erinnerung und im Gedenken an Hermann Staiger veröffentlichen wir an dieser Stelle ein Gespräch, das sein Neffe Hans-Joachim Scharna anlässlich des 125-jährigen Vereinsjubiläums des CVJM mit ihm geführt hat.

Hermann Staiger

Im August 1954 bricht die Jungenschaft „Johannes Rebmann“ mit Fahrrädern zu einer großen Fahrt auf. Die Tour führt sie von Gerlingen in die Schweiz und bis nach Italien. Der damalige Jungenschaftsleiter und Organisator der legendären 14-tägigen Radwanderung, Hermann Staiger, erinnert sich.

Hermann, wie seid Ihr auf die Idee gekommen, mit dem Rad eine so weite Ausfahrt zu machen?

Das lag eigentlich an unseren Liedern. Wir haben mit Begeisterung Fahrtenlieder gesungen, und da ist viel von fernen Ländern die Rede – und von diesen haben wir geträumt. Die Ditzinger haben’s uns vorgemacht, und wir wollten es auch nicht beim Träumen belassen, sondern aus eigener Kraft die Träume Wirklichkeit werden lassen.

Und dann habt Ihr eines Tages beschlossen, Euch mit Euren Rädern Italien als Ziel zu setzen?

Nein, nein. Die Idee ist nach und nach gewachsen. Wir waren ja schon davor viel mit unseren Rädern unterwegs und haben Ausfahrten unternommen, auch Ausfahrten mit Zelten. Und Italien hat halt gelockt: „Das Land, wo die Zitronen blühen.“

Hast Du bei der Planung nicht manchmal Angst vor der eigenen Courage bekommen?

Nein, überhaupt nicht. Wir waren voller Vorfreude und haben wohl alle Fragen über das Gelingen unterdrückt, wir hatten eigentlich keine Bedenken.

Und die Eltern der Jungs, haben die nicht Bedenken angemeldet?

Es gab Eltern, die ihren Buben die Fahrt nicht erlaubt haben. Aber die Eltern von denen, die mitfahren durften, haben keine Bedenken geäußert,  soweit ich mich erinnere. Dass das so war, wundert mich im Nachhinein selbst ein bisschen. Aber ich war damals 1954 mit meinen 27 Jahren ja schon etwas älter – und zu mir haben die Eltern wohl Vertrauen gehabt.

Hattet Ihr eine lange Vorbereitungszeit?

Ein bisschen aufwendig war das schon. Für die Einreise in die Schweiz mussten wir ein Gruppenvisum beantragen. Für die ein oder andere Übernachtung in einer Jugendherberge, die wir eingeplant hatten, mussten wir uns vorher anmelden. Meistens haben wir aber gezeltet. Und natürlich die Fahrt mit der Rhätischen Eisenbahn, die musste auch im voraus gebucht werden. Zuschüsse haben wir auch beantragt. Am Ende musste jeder Teilnehmer 50 D-Mark bezahlen.

Wie viele wart Ihr letzten Endes?

Zwölf Jungenschaftler waren dabei, die Namen habe ich noch alle: Reinhold Fauser, Richard Fauser, Hans-Peter Feucht, Reinhold Grob, Volker Hauff, Helmut Heck, Günter Höschele, Gerhard Ludmann, Hermann Maisch, Erich Roth, Walter Schrade, Martin Staiger. Mit mir waren wir also 13.

Auf den Bildern sieht man verschiedene Stadtansichten und Landschaften. Welche Route habt Ihr gewählt?

Wir sind über die Schwäbische Alb nach Sigmaringen und haben bei Krauchenwies beim Onkel von einem der Teilnehmer übernachtet. Am anderen Tag sind wir über Weingarten und Bregenz in die Schweiz gefahren und haben bei Verwandten von mir im schweizerischen Rheintal gezeltet.

Du hast die Rhätische Bahn erwähnt. Ihr seid einen Teil der Strecke mit dem Zug gefahren?

Ja, aber das kam dann noch mal einen Tag später. Erst sind wir am dritten Tag das Rheintal vollends bis Chur gefahren. Da haben wir abends unmittelbar am Rhein unsere Zelte aufgeschlagen. Und dann kam nachts das Wasser…

Was für Wasser?

Hochwasser. Abends, als wir die Zelte aufgeschlagen haben, war noch nichts zu sehen. Dann als wir in den Schlafsäcken lagen, kam plötzlich vom Rhein her Wasser hereingeschwappt, und wir sind noch in der Dunkelheit mit Zelten, Sack und Pack auf eine höher gelegene Wiese umgezogen.

Und dann ging’s am anderen Tag in die Rhätische Bahn…

In Chur sind wir am anderen Tag eingestiegen und hatten dort einen eigenen Wagen, der für uns reserviert war. Die Bahn hatte ein großes Plakat mit der Aufschrift  „Sonderwagen Jungenschaft Gerlingen“ angebracht. Die nassen Sachen und Klamotten vom Vorabend konnten wir da glücklicherweise trocknen. Aber die Fahrt mit der Rhätischen Bahn über den Albulapass mit den vielen Tunneln, Brücken und 360-Grad-Kehren, das war schon ein Erlebnis für sich.

Mit der Rhätischen Bahn landet man in St. Moritz.

So ist’s. Wir sind vollends am Silser See vorbei nach Maloja gefahren, haben dort gecampt, nachts allerdings war’s dort im Oberengadin bitterkalt. Und am anderen Tag haben wir von dort aus noch eine Bergtour unternommen.

Gruppenbild mit Ziege (von links): Walter Schrade, Günter Höschele, Erich Roth, Richard Fauser, Hermann Maisch, Gerhard Ludmann (hinten), Martin Staiger, Helmut Heck, Volker Hauff

Ihr wart zum Radfahren dort und seid trotzdem gewandert? Haben da die Buben überhaupt mitgemacht?

Ha natürlich, die haben alle mitgemacht. Wo’s langgeht, habe ich angegeben. Das Diskutieren war damals nicht in Mode.

Vom Malojapass aus geht’s rasant abwärts nach Italien Richtung Comer See…

Au, da mussten wir ganz schön aufpassen. Wir haben ganz in der Nähe der Passhöhe gezeltet. Einer der Teilnehmer hat sich am Vorabend die Serpentinen des Passes hinab ins Tal angeschaut. Dem ist wirklich mulmig geworden. Den musste ich richtiggehend beruhigen. Glücklicherweise hatte Gerhard Ludmann, der unsere Reiseapotheke geführt hat, Baldriantropfen dabei. Die kamen tatsächlich zum Einsatz. Aber eigentlich hatten wir alle vor der Abfahrt Respekt.

Auf den Bildern sieht man Euch am Comer See mit Strohhüten auf dem Kopf. Was hat es damit auf sich? Wie seid Ihr an diese Hüte gekommen?

In Italien war’s richtig heiß. Das waren wir nicht gewohnt. Wir sind eigentlich fast nur mit freiem Oberkörper gefahren, und die Strohhüte waren bitter nötig. Die haben wir alle an einem Stand gekauft. Ich hatte meinen Jungenschaftlern vorher gesagt: In Italien müsst Ihr handeln und dürft nicht jeden Preis bezahlen. Und so haben wir es tatsächlich gemacht, obwohl wir es ja eigentlich gar nicht gewohnt waren.

Wart Ihr nicht alle miteinander vom Süden völlig überwältigt? Ihr wart ja alle zum ersten Mal dort.

Von der Wärme und der Sonne schon, aber die Zitrusfrüchte, von denen wir dachten, die müssten hier doch billiger als bei uns sein, waren sogar teurer. Das hat uns schwer enttäuscht.

Wie seid Ihr zurückgekommen, auch wieder einen Großteil der Strecke mit dem Rad?

Erst mal sind wir von Italien wieder in die Schweiz eingereist. Dort hat uns die Polizei an der Promenade gemaßregelt, weil wir in der Prominentenstadt Lugano mit kurzen Hosen und freiem Oberkörper herumgelaufen sind. Von dort aus sind wir über das Tessin und zum Teil mit der Bahn durch den Gotthard bis Andermatt, dann mit dem Rad bis zum Vierwaldstätter See und nach Zürich, von dort bis Eutingen ins Gäu wieder mit der Bahn, und dann vollends komplett mit dem Rad zurück nach Gerlingen.

Wie war das mit den Fahrrädern, haben die gehalten?

Am Anfang hatten wir auf der Alb mal eine Panne und mussten dort einen Schlosser aufsuchen. Aber ansonsten ging’s. Aber unsere Räder waren bleischwer. Drei-Gang-Räder waren damals noch die absolute Ausnahme. Wir hatten ja alles dabei, die Zelte, das Kochgeschirr, das Gepäck. Das hieß auch am Berg häufig schieben.

Wenn Ihr die Zelte dabei hattet: Habt Ihr denn Campingplätze aufgesucht?

Hano, hano, natürlich nicht. Wir wollten doch die Freiheit erleben und das, was man in den Fahrtenliedern so gesungen hat. Schwierig war das manchmal schon, einen geeigneten Platz zum Übernachten zu finden. Und dann mussten wir ja auch noch unsere Kochstelle bauen, das heißt Erde ausheben und Steine heranschaffen.

Eigener Herd ist Goldes wert: Kochen in freier Natur

Das klingt ja alles recht zünftig.

Das war’s auch. Übrigens: Einen Wimpel hatten wir auch dabei, den habe ich noch. Wir hatten in der Jungenschaft noch mal einen Wimpel. Der war aus Leder und war eigentlich der schönere. Aber wo der geblieben ist, weiß ich nicht.

Hat die Fahrt ein großes Echo ausgelöst?

Wir haben danach eine Veranstaltung im CVJM-Vereinshaus gemacht für die Eltern und die Angehörigen, da haben wir berichtet und Bilder gezeigt. Und für alle Teilnehmer, glaube ich, war das ein ganz eindrückliches Erlebnis. Für die meisten war es das erste Mal, dass sie überhaupt weggekommen sind; und dann gleich nach Italien. Davon ist noch lange gesprochen worden, und bis heute schwärmen einige noch von dieser Fahrt.  sr

Abschlussbild nach der glücklichen Heimkehr vor dem Gerlinger Urbanbrunnen (von links): Erich Roth, Günter Höschele (Kopf nach hinten), Martin Staiger (Kopf nach hinten), Gerhard Ludmann (Kopf nach hinten, halb verdeckt), Hans-Peter Feucht, Reinhold Grob, Hermann Maisch (mit Hut), Richard Fauser, Walter Schrade und Reinhold Fauser

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