125 Jahre – und kein bisschen leise

Posaunenchor des CVJM feiert 125-jähriges Bestehen – Festgottesdienst am Sonntag – Open-Air-Konzert im Sommer

Mit einem Festgottesdienst in der evangelischen Petruskirche an diesem Sonntag um 9.45 Uhr feiert der Posaunenchor des CVJM Gerlingen den Auftakt seines Jubiläumsjahres. Im Gottesdienst und beim anschließenden Ständerling im Petrushof wollen  aktive und ehemalige Bläserinnen und Bläser gemeinsam mit den Besuchern die 125-jährige Geschichte Revue passieren lassen.

Ob im sonntäglichen Gottesdienst, beim Kurrende spielen an Heiligabend, beim Laternenlauf, bei Stadtfesten, bei Hochzeiten und Beerdigungen – der Posaunenchor des CVJM ist allgegenwärtig in Gerlingen. Oder, wie dieser die „Stuttgarter Zeitung und die „Stuttgarter Nachrichten“ getitelt haben: „Sie sind eine Institution in der Stadt.“ Gemeint sind die rund 30 aktiven und mehr als 200 ehemaligen Bläserinnen und Bläser die mit ihren Posaunen und Trompeten bei mehr als zwei Dutzend Auftritten im Jahr die Zuhörer  erfreuen und gleichzeitig das Evangelium buchstäblich laut werden lassen.

Es sind sechs Idealisten, die im Jahr 1894 den Grundstein für den Posaunenchor legen. Gerlingen hatte zu dieser Zeit rund 2000 Einwohner. Diese lebten von der Arbeit auf dem Feld, als Weingärtner, im Steinbruch oder im Wald. In der Zeit der Industrialisierung gingen viele Gerlinger in die Fabriken nach Feuerbach oder Stuttgart. Bei Begegnungen mit auswärtigen Vereinen und Treffen auf Bezirksebene lernen die Mitglieder des 1887 gegründeten Gerlinger Jünglingsvereins, aus dem später der Christliche Verein Junger Menschen (CVJM) hervorgegangen ist, Posaunenchöre kennen. Korntal hat bereits einen solchen, und so hegen die Gerlinger bald den Wunsch, auch einen Posaunenchor zu gründen. Geld für Instrumente ist nicht vorhanden. Aber nach langem Überlegen und nachdem sie 300 Mark auf Schuldschein geborgt haben, wagen sie den Schritt und kaufen sich bei der Musikalienhandlung Barth in Stuttgart die ersten Instrumente. Ein ehemaliger Gerlinger, Malermeister Christoph Mezger, der nun in Stuttgart wohnt, ist ihr Berater und auch ihr erster Lehrmeister. Er kommt wöchentlich zweimal, meist zu Fuß, nach Gerlingen und übt mit den angehenden „Posaunisten“. 1895 können sie ihre Kunst zum ersten Mal in Gerlingen zu Gehör bringen – bei einer Beerdigung. Bis heute verrichten die Bläser diesen Ehrendienst für die Toten.


Der Posaunenchor, hier ein Bild aus dem Jahr 1925, ist die älteste Gruppe des CVJM und bis heute sein Rückgrat

Längst ist der Posaunenchor nicht mehr nur in Gerlingen zu hören: Auftritte im Innenhof des Alten Schloss auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt gehören seit mehr als 15 Jahren ebenso fest zum Terminkalender, wie die Teilnahme an den alle zwei Jahre stattfindenden Landesposaunentagen in Ulm – als Teil des größten Posaunenchores der Welt mit bis zu 10000 Bläsern. Beim Kirchentag in Stuttgart ist der Posaunenchor ebenso zu hören wie bei Festumzügen oder bei der Gerlinger Messe.

So fühlt sich der Posaunenchor nicht nur Willkommen in Gerlingen und Umgebung, sondern schickt auch  seinerseits Willkommensgrüße, was sich auch in der Geschichte des Chores widerspiegelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam jeder Kriegsheimkehrer nach Gerlingen – unabhängig davon, ob er Mitglied im CVJM war oder nicht – ein Ständchen gespielt. Während des Krieges mussten die wenigen verbliebenen Bläser bei Beerdigungen häufig auf dem Friedhof spielen. Ursprünglich als „Signalinstrumente“ gebaut und eingesetzt – früher wurden Trompeten und Hörner auf Stadtmauern, beim Militär und bei der Feuerwehr verwendet –, war es in diesem Fall ein starkes und mutmachendes Signal, das die Bläser des Gerlinger Posaunenchors ausgesandt haben, als sie nach der Katastrophe des Krieges unterschiedslos alle Heimkehrer willkommen geheißen haben.


Willkommensgruß für einen Heimkehrer nach dem Zweiten Weltkrieg

Über die Jahre hinweg hat der Posaunenchor Gerlingen manche Wandlung mitgemacht. Gab es in den Anfängen auch Holzblasinstrumente, wie etwa Klarinetten, die in den Chor integriert waren, so sind diese seit etlichen Jahrzehnten völlig verschwunden. Waren es bis weit in die 1960er Jahre hinein nur Männer unterschiedlichen Alters, die im Chor mitspielen durften, so sind heute rund ein Drittel der Mitglieder weiblich. Auch im Hinblick auf den Musikstil haben sich die Zeiten geändert. Der Bach-Choral bildet weiterhin so etwas wie ein Zentrum, aber unüberhörbar sind inzwischen auch Swing-, Pop- und Musical-Melodien. Und nicht zuletzt: Der Dirigent ist nicht mehr als Ehrenamtlicher tätig, sondern als studierter Musiker erhält Grigori Puschanski selbstverständlich ein Honorar. Die organisatorischen Dinge dagegen werden ehrenamtlich von Claudia Schumacher erledigt.

Bei allen Wandlungen ist doch einiges gleich geblieben: Es geht auch heute nicht ohne Einsatzbereitschaft und eine Portion Idealismus. Gleich geblieben ist zudem, dass Posaunenchorarbeit nicht auf ein bestimmtes Alter beschränkt ist. So sind unter den Bläserinnen und Bläsern fast alle Generationen vertreten. Und noch etwas hat sich nicht verändert: Der Posaunenchor lädt ein zur Gemeinschaft, und das bei Heimkehrern und Abschiednehmenden, bei Fröhlichen und Traurigen, in der Kirche und „auf den Landstraßen und an den Zäunen“, wie es im Lukas-Evangelium in Kapitel 14, Vers 23 heißt. Dafür steht der Posaunenchor.

So wird gefeiert:

Den Auftakt zum 125-Jahr-Jubiläum des CVJM-Posaunenchors bildet ein Gottesdienst in der Petruskirche am 10. Februar um 9.45 Uhr.


Auftritte in der Petruskirche gehören zum festen Programm des Posaunenchores

Den Höhepunkt des Festjahres bildet das CVJM-Sommerfest vom 19. Bis 21. Juli auf dem Bauernhof der Familie Zimmermann in den Gerteisen mit zwei Open-Air-Konzerten: Am Freitag mit Power Pop und Party Rock von Good Weather Forecast, einer Band, die es im vergangenen Jahr sogar in die deutschen Albumcharts geschafft hat. Am Samstag haben wir German Brass zu Gast, eines der besten Blechbläserensembles der Welt. Der Vorverkauf für die beiden Konzerte läuft bereits. Alle Informationen unter www.cvjm-gerlingen.de. Karten können Sie auch direkt erwerben im Gerlinger Weltladen, im Hofladen Müller, bei der Kreissparkasse oder bei Easy Ticket.

Am 9. November ist der Posaunenchor selbst zu hören, bei einer Serenade in der Petruskirche.  sr

 

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